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Studie Fördermittel

22.02.2018
Flüchtlingshilfe: Was gebraucht wird – was ankommt
© Zerbor - Fotolia.com
Aus einer Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung geht hervor, dass das Geld für die Flüchtlingshilfe bei vielen Initiativen nicht ankommt. Obwohl die Initiativen oft zusätzliche Finanzmittel benötigen, nimmt mehr als ein Drittel von ihnen keine Fördermittel in Anspruch. Die Finanzierung erfolgt hier vor allem durch private Spenden. Oft können die Gruppen die Anforderungen der Fördermittelgeber nicht erfüllen. Die öffentlichen Mittel werden vor allem von schon etablierten Vereinen oder Verbänden in Anspruch genommen. An Fördermittel-Programmen fehlte es bis 2017 laut den Ergebnissen dagegen nicht. Die Studie zeigt, wie groß das ehrenamtliche Engagement in der Zeit des Flüchtlingszuzugs 2015/2016 war und was für eine immense Bedeutung ihm auch heute für das gesellschaftliche Miteinander vor Ort und die Integration der Geflüchteten in den Kommunen zukommt. Um das Engagement auch künftig aufrecht zu erhalten, müssen finanzielle Fördermöglichkeiten weiter ausgebaut und diese leichter zugänglich sowie flexibler vor Ort einsetzbarer sein. Obwohl die Spendenbereitschaft weiterhin hoch ist, besteht die Gefahr, dass sie in Zukunft sinken und damit die Finanzierung der Ausgaben der vielen Initiativen erschweren wird. Dieser Entwicklung muss entgegengewirkt und die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer und Organisationen stärker unterstützt werden.

Seit Sommer 2015 wurde die Engagementförderung in der Flüchtlingshilfe ausgebaut: Zahlreiche Programme und Fonds der öffentlichen Hand, der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft unterstützen bis heute das Engagement für Geflüchtete finanziell. Als jeden Monat viele Tausend geflüchtete Menschen ins Land kamen wurde deutlich, wie sehr staatliche Behörden auf den Einsatz der Freiwilligen angewiesen sind. Auch zwei Jahre später übernehmen Freiwillige weiterhin viele zentrale Aufgaben. Die Aktivitäten haben sich allerdings verschoben: Mussten in den ersten Monaten seit August 2015 vor allem Ankommende mit dem Allernötigsten versorgt werden, stehen mittlerweile Tätigkeiten im Vordergrund, die auf eine längerfristige gesellschaftliche Teilhabe abzielen, etwa die Unterstützung bei der Arbeits- und Wohnungssuche.

Seit dem starken Zuzug von Geflüchteten nach Deutschland in den Jahren 2015 und 2016 haben nicht nur viele freiwillig Engagierte Flüchtlingshilfe-Initiativen gegründet, es sind auch eine Menge staatliche Förderprogramme ins Leben gerufen worden, um ihre Arbeit zu unterstützen. Im Rahmen der Studie „Fördermittel in der Flüchtlingshilfe“ hat das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersucht, mit welchen Hürden und Herausforderungen Organisationen des freiwilligen Engagements für Geflüchtete beim Zugang zu Fördermitteln konfrontiert sind und wie sie diese überwinden können.

Die Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

Geld für die Flüchtlingshilfe kommt vor allem bei kleineren Initiativen nicht an

Obwohl in den letzten beiden Jahren kurzfristig viel Geld durch staatliche Förderprogramme von der EU, Bund, Ländern, Kommunen oder auch durch private Spenden der Gesellschaft für die Flüchtlingshilfe freigesetzt wurde, haben viele Initiativen keinen Zugang zu den Fördermitteln gefunden. So nehmen 37 Prozent der untersuchten Initiativen überhaupt keine Fördermittel in Anspruch, obwohl knapp 90 Prozent angeben, Finanzmittel zu benötigen.

Die öffentlichen Mittel kommen vor allem bei den schon etablierten Trägern, also bestehenden Vereinen und Verbänden an. Etablierte Träger wie Wohlfahrtsverbände finanzieren sich zu 61,4 Prozent aus öffentlichen Mitteln. Diese oft größeren Organisationen haben Erfahrung im Beantragen und Einwerben von solchen Geldern. Initiativen, Vereine und kirchliche Organisationen bestreiten dagegen den allergrößten Teil ihrer finanziellen Mittel aus privaten Spenden. Bei den Initiativen ist der Anteil an Privatspenden an ihren gesamten Einnahmen mit 57,1 Prozent am höchsten. Obwohl die Spendenbereitschaft weiterhin hoch ist, rechnen viele Initiativen damit, dass diese in Zukunft sinken und damit die Finanzierung ihrer Ausgaben erschweren wird. Der größte Anteil der Mittel wird für den Bereich der „Praktischen Hilfe“ (17,3 %) aufgewendet, darauf folgen Mittel für „Unterricht“ (16,7 %) und „gemeinschaftliche Aktivitäten“ (16,2 %).

Hürden und Herausforderungen

Ein wesentlicher Grund ist aus Sicht der Initiativen, dass sie Bedingungen für die Antragstellung nicht erfüllen (58%) und folglich keine Aussicht auf Erfolg sehen (46 %). So geben die Behörden etwa vor, dass Projekte zum Förderzeitpunkt noch nicht begonnen haben. Wiederkehrende Ausgaben werden nur selten gefördert, oder der Staat fordert von den Initiativen eine Vereinsform, die den Engagierten oft nicht als sinnvoll erscheint. Knapp 38 Prozent gaben an, unabhängig bleiben zu wollen. Ein Motiv dafür ist oft, dass Engagierte befürchten, als Lückenfüller für eigentlich staatliche Aufgaben instrumentalisiert zu werden. Als weitere Herausforderungen bei der Antragstellung nannten die Befragten den zu hohen zeitlichen Aufwand (70 %), sowie fehlenden Zugang zu Informationen (48 %).

Die Fördermittel werden laut der Studie oft nicht an die Freiwilligen vor Ort weitergeleitet und konnten an ihren tatsächlichen Bedarfen ausgerichtet werden. Die Organisationen, bei denen das Geld tatsächlich ankam, waren zum Teil überfordert, weil die Mittel bis Ende des Jahres gar nicht schnell genug ausgegeben werden konnten. Zugleich herrschte Planungsunsicherheit, da die Finanzierung meist nur für das aktuelle Haushaltsjahr gesichert war. Förderungen sind und waren nur selten in eine langfristige Förderstrategie eingebettet.

Oft müssen Hürden im Hinblick auf die Grenze zwischen freiwilligem Engagement und Hauptamt überwunden werden. Viele Freiwillige empfanden Handlungsdruck angesichts mangelhafter staatlicher Strukturen und des akuten Bedarfs von Seiten der Geflüchteten. Damit diese nicht endlos auf bestimmte Leistungen warten müssen, organisieren freiwillige Helfer/innen Übergangslösungen. Ohne den wirksamen Abbau der Defizite in den Verwaltungen tendiert dieses Engagement dazu, sich zu verstetigen. Da Behörden auf freiwilliges Engagement in vielerlei Hinsicht angewiesen sind, haben sich die Freiwilligen zum Teil eine starke Verhandlungsposition gegenüber den Behörden erarbeitet.

Empfehlungen und Lösungsansätze

  • Geldgeber sollten stärker lokale Bedarfe identifizieren, bevor aufwändige Förderprogramme entwickelt werden. Die Engagierten schätzen es sehr, wenn Geldgeber dazu persönlich mit ihnen in Kontakt treten. Die Förderung des Engagements für Geflüchtete sollte nicht isoliert von anderen Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements vor Ort betrachtet werden.
  • Es sollten mehr Informations- und Unterstützungsangebote geschaffen werden. Kommunale Koordinationsstellen, Freiwilligenagenturen oder eigens zu diesem Zweck eingerichtete Servicestellen sollten in der Beantragung von Fördergeldern geschult werden und den Freiwilligen konkrete Unterstützung bei der Antragstellung bieten.
  • Es sollten niedrigschwellige Förderungen angeboten werden. Die Verwaltungen sollten die unbürokratische Kostenerstattung ermöglichen und die Bündelung von Spendengeldern beispielsweise über Bürgerstiftungen erleichtern. Die Zivilgesellschaft sollte bei der Geldvergabe eingebunden werden.
  • Die Verfahren sollten vereinfacht und transparenter gestaltet werden, Bestimmungen verringert und Spielräume vergrößert werden.
  • Fördermittel sollten auch für bereits laufende Aktivitäten bereitstellt werden.
  • Freiwilligenagenturen sollten verstärkt als Vermittler eingesetzt werden und mit einer besseren Grundfinanzierung ausgestattet werden. Die lokalen Freiwilligenagenturen stellen aber als lokale Infrastruktureinrichtungen potenziell interessierten Bürger/innen Informations-, Beratungs-, Vermittlungs- und Qualifizierungsangebote zur Verfügung.

Die Studie „Fördermittel in der Flüchtlingshilfe. Was gebraucht wird – was ankommt“ wurde vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität zu Berlin im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt. Dabei sind in vier Bundesländern (Bayern, Berlin, Niedersachsen, Thüringen) 34 qualitative Interviews mit Initiativen, Trägern und Fördermittelgebern geführt worden, die durch eine bundesweite Online-Befragung unter 556 Organisationen ergänzt wurde. Die Erhebung fand zwischen Februar und April 2017 statt.

(Foto: © Zerbor - Fotolia.com)