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Nachhaltigkeit

2020-11-04
„An der Lebenswirklichkeit vor Ort orientieren“
Foto: © David Farcas

Thorsten Krüger ist Nachhaltigkeitsbotschafter des DStGB. In dieser Rolle und als Bürgermeister der Stadt Geestland setzt er sich vor Ort, aber auch in der gesamten Bundesrepublik für das Zukunftsthema Nachhaltigkeit ein.

Die Orientierung an der Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort ist für Krüger dabei unabdingbar für die unmittelbare Integration der Bürger*innen in Projekte, wie Geestlands Weg zur klimaneutralen Energieeffizienz-Kommune auf eindrucksvolle Weise zeigt. Gerade die Umsetzung nachhaltiger Ansätze müsse ganzheitlich betrachtet werden, so der Niedersachse aus dem Landkreis Cuxhaven.

Dabei hat er den Begriff „Enkelkindtauglichkeit“ geprägt: Alles, was heute entschieden wird, soll auf das Konto der nachfolgenden Generationen einzahlen. Der unmittelbare Einfluss auf die Lebensrealität der Menschen hebt die Kommune in diesem Prozess von anderen politischen Ebenen ab. Seine Forderung lautet, dass die Kommunen insbesondere bei der Bewältigung der Corona-Pandemie in Zukunft mehr Gehör finden sollten. Gerade der ländliche Raum spielt aus seiner Sicht künftig eine Schlüsselrolle und das nicht nur beim Thema Nachhaltigkeit.


Interview mit Thorsten Krüger

Herr Bürgermeister Krüger, Sie sind sehr engagiert als Stadtoberhaupt der Stadt Geestland und sind zum ehrenamtlichen Nachhaltigkeitsbotschafter des Deutschen Städte- und Gemeindebundes berufen worden. Was zählt zu Ihren Aufgaben als Nachhaltigkeitsbotschafter? Und wie möchten Sie mit Ihrer Arbeit andere Kommunen erreichen?

Als Nachhaltigkeitsbotschafter ist es vor allem meine Aufgabe, das Zukunftsthema Nachhaltigkeit in die Region und in die Bundesrepublik zu tragen. Wenn wir in der Stadt Geestland zeigen, dass wir mit unserem Handeln vor Ort eine nachhaltige Entwicklung anstoßen können, dann animieren wir im besten Fall andere dazu, sich ebenfalls mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. In diesem Sinne haben wir vor kurzem unseren „Kommunalen Service für Nachhaltigkeit“ gegründet, mit dem wir Kommunen dabei unterstützen wollen, den Nachhaltigkeitsgedanken voranzutreiben. So bunt wie die Kommunen sind, so vielfältig sehen auch deren Nachhaltigkeitsstrategien aus. Auf diesen individuellen Wegen wollen wir den Kommunen zur Seite stehen und unsere Erfahrungen mit ihnen teilen.
Kommunaler Service für Nachhaltigkeit (KSN): Den Städten und Gemeinden kommt beim Vorantreiben des Nachhaltigkeitsgedankens eine Schlüsselrolle zu. Denn sie stellen die Weichen für eine nachhaltige Entwicklung auf kommunaler Ebene. Jede einzelne Kommune wird aufgrund der Lebenswirklichkeit, der Lebenssituation der Menschen und der individuellen Gegebenheiten vor Ort eigene Wege zu einer nachhaltigen Kommune gehen. Geestland will dazu Hilfestellung geben und Kommunen unterstützen, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Ziele sind: eine Zukunft und gleichwertige Lebensverhältnisse für alle.

Die Stadt Geestland wurde 2018 zur nachhaltigsten Stadt Deutschlands mittlerer Größe gekürt und gewann den deutschen Nachhaltigkeitspreis. Welche Projekte und Ansätze verfolgen Sie in Geestland für ein nachhaltiges Leben? Und wie schaffen Sie es, Nachhaltigkeit in den Alltag der Bürger*innen Geestlands zu integrieren?

Wir orientieren uns beim Thema Nachhaltigkeit stets an der Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort. Unser geplantes Energiewerk ist da ein schönes Beispiel. Aus Hackschnitzeln – also Holzabfällen, die wir bisher als Abfall behandelt und teuer entsorgt haben – werden wir in Zukunft Energie erzeugen, mit der wir die Moor-Therme, unser Schwimmbad in Bad Bederkesa, sowie eine Schule versorgen. Dieses Pilotprojekt ist einzigartig im Nordwesten und ein Meilenstein auf Geestlands Weg zur klimaneutralen Energieeffizienz-Kommune. Indem wir nachhaltiges Handeln vorleben und Verantwortung übernehmen, zeigen wir, dass sich Investitionen in Nachhaltigkeit auszahlen. Dass sich der Mut zur Veränderung lohnt und wir die großen Herausforderungen unserer Zeit nur gemeinsam bewältigen können.

Was können andere Kommunen im Bereich Nachhaltigkeit von Geestland adaptieren? Und welche Bedeutung spielt dabei der Begriff der „Enkelkindtauglichkeit“?

Wir in Geestland begreifen Nachhaltigkeit ganzheitlich. Das bedeutet, wir versteifen uns nicht auf einen Teilbereich, rüsten ein Gebäude mit Solarenergie aus und denken, damit wäre es erledigt. Von CO2-Einsparung über Plastikvermeidung bis hin zur Aufklärung in Schulen und Kindergärten: In Geestland soll Nachhaltigkeit möglichst in alle Themenfelder Einzug halten. Das erfordert selbstverständlich ein Umdenken im Verwaltungshandeln. Wenn andere Kommunen etwas von uns erfahren können, dann ist es unter anderem dieser ganzheitliche Ansatz. Dabei spielt bei uns der Begriff der Enkelkindtauglichkeit eine zentrale Rolle: Alles, was wir heute entscheiden, soll auf das Konto der kommenden Generationen einzahlen und das Leben in der einen Welt für alle erhalten.

Die globalen Nachhaltigkeitsziele oder Sustainable Development Goals (SDGs) lösen die Millenniums-Entwicklungsziele ab. Diese sprechen in ihrer Umsetzung diesmal konkret die Kommunen an. Wie können Ihrer Ansicht nach Städte und Gemeinden eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung von sozialen, wirtschaftlichen und umweltpolitischen Zielsetzungen einnehmen?

Nachhaltigkeit bewegt sich in einem sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Spannungsfeld. Genau das verdeutlichen die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Es liegt in der Natur der Nachhaltigkeit, dass es in ihrem Umfeld immer Zielkonflikte geben wird. Wir müssen also abwägen. Für uns ergibt sich daraus die verantwortungsvolle Aufgabe, die Entscheidungen zu treffen, die allen Bürgerinnen und Bürgern und unserer Umwelt den größten Vorteil bringen. Ganz wichtig: Wir müssen den Interessen der Menschen folgen, die in einer ökologisch, ökonomisch und sozial abgesicherten Welt leben möchten. Eines müssen wir uns immer vor Augen halten: Deutschland ist nicht die Welt, sondern nur ein Teil davon. Wir leben alle in dieser einen Welt. Auch wenn wir es uns wünschen, können wir nicht alle Probleme auf einmal lösen. Wirkliche Veränderung braucht Zeit und Geduld. Aber wir müssen jetzt anfangen und handeln.

Warum sind die Kommunen die entscheidenden Akteure zur Verwirklichung von Nachhaltigkeitszielen?

Weil wir nah an den Menschen sind. Unsere Entscheidungen, die wir als Kommune treffen, haben einen unmittelbaren Einfluss auf die Lebensrealität. Unser Handeln ist sichtbar. Das bringt mit sich, dass wir immer auch eine Vorbildfunktion zu erfüllen haben für die Menschen, die hier leben. In unserer komplexen Gesellschaft greifen einfache Antworten oft zu kurz. Deshalb sind wir gefordert, auf komplexe Fragen ausführliche und realistische Antworten zu geben, die manchmal auch unbequem sind.

Nach der Corona-Pandemie werden wir vieles neu denken und neu bewerten, auch mit Blick auf das Thema Nachhaltigkeit. Was wünschen Sie sich konkret für die Kommunen? Und was wünschen Sie sich von den Kommunen?

Nachhaltigkeit ist keine Errungenschaft der vergangenen Jahre. Es ist ein Thema, was uns seit Jahrhunderten begleitet. Die Corona-Pandemie wirkt hier wie ein Brennglas: Plötzlich zeigen sich die Schwachstellen in unserer Gesellschaft. Plötzlich sehen wir, wo wir in Sachen Nachhaltigkeit noch ganz viel tun müssen. Ich wünsche mir, dass die Kommunen bei dieser Herausforderung in Zukunft mehr Gehör finden – auf Landes- und auch auf Bundesebene. Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse bedeutet eben auch, dass alle Kommunen gleichwertig behandelt werden, wenn es zum Beispiel um finanzielle Unterstützungen geht. Die Politik muss außerdem begreifen, dass der ländliche Raum eine Schlüsselrolle spielt, nicht nur beim Thema Nachhaltigkeit. Denn ein großer Teil der Menschen in Deutschland lebt nun einmal im ländlichen Raum und hat es auch verdient, gehört zu werden. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir mutig bleiben. Dass wir immer mit Freude bei der Sache sind. Denn am Ende gibt es doch nichts Schöneres als die Erkenntnis, dass wir mit unserem Handeln wirklich etwas verändern können. Wir sollten immer positiv denken, in der Krise eine Chance sehen. Mit negativen Sichtweisen, mit Angst und fehlender Offenheit können wir keine Zukunft gestalten.

Anmerkung der Redaktion: Sechs Fragen und sechs Antworten können nicht im Ansatz die Vielschichtigkeit des Themas Nachhaltigkeit widerspiegeln. Gleichwohl können sie deutlich machen, dass sich der Mut für Kommunen lohnt, sich diesem Thema mit dem nötigen Engagement zu widmen.

Das Interview führten Sina Schiffer und Andrea Schermann für den Deutschen Städte- und Gemeindebund


      Kommunaler Service für Nachhaltigkeit (KSN):

      Den Städten und Gemeinden kommt beim Vorantreiben des Nachhaltigkeitsgedankens eine Schlüsselrolle zu. Denn sie stellen die Weichen für eine nachhaltige Entwicklung auf kommunaler Ebene. Jede einzelne Kommune wird aufgrund der Lebenswirklichkeit, der Lebenssituation der Menschen und der individuellen Gegebenheiten vor Ort eigene Wege zu einer nachhaltigen Kommune gehen. Geestland will dazu Hilfestellung geben und Kommunen unterstützen, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Ziele sind: eine Zukunft und gleichwertige Lebensverhältnisse für alle.

      Die Stadt Geestland bietet mit dem KSN unter anderem Folgendes an:

      1. Erstberatung
      2. Traineeprogramm / Hilfestellung bei der NH-Strategieentwicklung
      3. Prozessmanagement
      4. Begleitung bei der Erstellung zum Bericht beim Deutschen Nachhaltigkeitskodex
      5. Checkliste für Nachhaltigkeit
      6. Kommunikationshilfen für die 17 Nachhaltigkeitsziele
      7. Evaluation

      Ansprechpartner sind Bürgermeister Thorsten Krüger (Tel. 04743 937-1510) und Britta Murawski (Tel. 04743 937-1520).


      Foto: © David Farcas

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