Einsamkeit wird sowohl in Deutschland als auch weltweit zu einer immer größeren gesellschaftlichen Herausforderung. Wenn wir dieser Entwicklung als Gesellschaft nichts entgegensetzen, drohen die kommenden Jahre zu einem Jahrzehnt der Einsamkeit zu werden. Dieses Phänomen der zunehmenden Vereinsamung der Menschen ist nicht neu. Die immer stärkere Flucht ins Digitale, die schwierige wirtschaftliche Lage und die globalen Entwicklungen verstärken dieses Phänomen. Die Politik ist auch hier gefordert, diesem unheilvollen Trend entschieden zu begegnen.
Einsamkeit betrifft längst nicht nur ältere Menschen, sondern ist zu einem generationenübergreifenden Phänomen geworden. Nach einer Studie aus dem vergangenen Jahr fühlt sich jeder dritte Mensch in Deutschland zumindest teilweise einsam. Damit ist nicht nur individuelles Leid verbunden. Vielmehr birgt diese Entwicklung die Gefahr gesellschaftlicher Entfremdung und kann letztendlich auch Radikalisierung Vorschub leisten. Dem müssen wir gesamtgesellschaftlich mit funktionierenden sozialen Bindungen und lebendigen Gemeinschaften begegnen.
Kommunen sind die Orte, an denen Einsamkeit zuerst bemerkbar wird – und zugleich kann dort am wirksamsten gegensteuert werden. Es muss gelingen, vor Ort aufmerksam zu sein und das Konzept der sorgenden Gemeinschaft zu stärken und zu beleben. Besonders in der Advents- und Weihnachtszeit, in Zeiten der Besinnlichkeit und der Familie, trifft soziale Einsamkeit viele Menschen hart. Begegnungsorte sollten deshalb möglichst verlässlich geöffnet sein – ohne lange Schließzeiten, ohne Urlaubszeiten, ohne krankheitsbedingte Ausfälle und ohne frühen Feierabend. Das dahinterstehende Signal muss lauten: „Wir sind immer da“.
Schon heute gibt es vielerorts zahlreiche Angebote für Begegnung, Teilhabe und Beratung. Künftig braucht es noch stärkere niedrigschwellige, dauerhafte und verlässliche Angebote, die alle Altersgruppen erreichen. Bibliotheken, Volkshochschulen und andere lokale Einrichtungen können als Orte des Austauschs und des lebenslangen Lernens eine zentrale Rolle einnehmen.
Der Einsatz gegen Einsamkeit darf nicht am Geld scheitern. Ehrenamt kann viel leisten, aber nicht jede Lücke füllen. Neben einer grundsätzlich deutlich besseren Finanzausstattung der Kommunen braucht es daher auch ein starkes Programm von Bund und Ländern gegen Einsamkeit. Mit einem „Fonds gegen Einsamkeit“ können wirksame Unterstützungsstrukturen geschaffen werden. Dieser Fonds sollte mit einer Summe von 500 Millionen Euro für diese Legislaturperiode ausgestattet sein. Die Finanzierung könnte durch Gelder der Europäischen Union, Restmittel im Bundeshaushalt oder Umschichtungen in den Einzeletats erfolgen. Ziel muss es sein, dass Bibliotheken und andere Einrichtungen dauerhaft offenstehen und lokale Präventionsketten stabil arbeiten können – gemeinsam in der Kombination von Haupt- und Ehrenamt.
Ein Blick ins Ausland zeigt, dass Einsamkeit in vielen Staaten bereits hohe politische Priorität bekommen hat. Ob durch besondere Beauftragte, nationale Strategien oder sogar Ministerien – erfolgreich ist Engagement dort, wo Einsamkeit als gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe verstanden wird.
Sich gegen Einsamkeit einzusetzen, bedeutet nicht nur konkrete Hilfe für Menschen. Es bedeutet auch gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie zu stärken. In Zeiten, in denen die sogenannten „sozialen Medien“ Individualisierung und Isolierung beschleunigen, ist dies besonders wichtig. Es darf nicht ausschließlich um die Quantität von „Likes“ und „Followern“ gehen, sondern die Qualität der realen sozialen Kontakte muss gestärkt werden. Keine noch so gute sprachgestützte künstliche Intelligenz kann ersetzen, was in Vereinen, beim gemeinsamen Kochen oder bei einem persönlichen Gespräch vor Ort geleistet wird.
