Klimagerechte Stadtentwicklung

Osnabrücker Gründachstrategie

Steckbrief:

Name der Kommune: Osnabrück 

Einwohnerzahl und Lage: ca. 170.000, Kreisfreie Stadt in Niedersachsen

Projekt: Osnabrücker Gründachstrategie 

Stand der Umsetzung: seit 2019 begonnen 

Ansprechpartner: Jennifer Hoeltke, Fachbereich Umwelt und Klimaschutz

Website: https://www.osnabrueck.de/stadtklima/klimaanpassung/

Ausgangssituation

Die Stadt Osnabrück hat sich eine nachhaltige und zukunftsfähige Stadtentwicklung zum Ziel gesetzt. 

Die Versiegelung durch neue Baugebiete, Nachverdichtungen oder Gestaltungsphänomenen wie beispielsweise den Schotter(vor-)gärten nimmt in vielen Städte immer weiter zu - so auch in Osnabrück.

Urbanes Grün, auch in Form von Gründächern, übernimmt eine wichtige Rolle bei der Abmilderung der Folgen des Klimawandels und der Vollversiegelung in Städten bei gleichzeitig positiver Wirkung auf den Artenschutz und dem Erhalt von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen.

Gründächer sind nicht nur ein attraktives Gestaltungselement im urbanen Siedlungsraum, sondern können einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Stadtklimas und der Luftqualität leisten. Sie verringern das Aufheizen von Dachflächen und der angrenzenden Räume und mildern bei intensiven Niederschlägen das Abflussproblem durch die Aufnahme von Regenwasser. 

Die 2019 vom Fachbereich Umwelt und Klimaschutz entwickelte Gründachstrategie mit sechs einander ergänzenden Maßnahmen soll sowohl das Potenzial der Dachbegrünung im Bestand als auch im Neubau heben. 

Beschreibung des Ansatzes und Vorgehensweise

Das 2016 im Rahmen des Klimaanpassungskonzeptes erstellte Stadtklimagutachten inklusive Betroffenheitsanalyse machte die Ausweitung des Wärmeinseleffektes im Siedlungsgebiet Osnabrück sehr deutlich. Einige Teile des Siedlungsgebietes heizen sich bei Hochdruckwetterlagen besonders stark auf. So zeigen hochverdichtete Stadtteile wie der Innenstadtbereich oder Gewerbegebiete bis zu 7°C höhere Nachttemperaturen im Vergleich zum unbebauten Umland. Außerdem nimmt die Anzahl der Tropennächte mit einem Temperaturminimum von 20°C und „heißen Tage“ mit mindestens 30°C zu. Gleichzeitig werden mehr Starkregenereignisse registriert, die durch den hohen Versiegelungsgrad zu Abflussproblemen führen. 

Bereits 2008 hat die Stadt Osnabrück Dachbegrünungen von flachgeneigten Dächern bei gewerblich genutzten Gebäuden und die Begrünung von Parkplätzen zur Milderung von Abflussproblemen in Neubaugebieten als ökologische Kriterien in der Bauleitplanung beschlossen. 

Die Betroffenheitsanalyse verdeutlicht die Notwendigkeit von weiteren stadtklimatischen und retentionsfördernden Maßnahmen im Siedlungsbestand. Deren Umsetzung gestaltet sich als sehr schwierig, da kaum neue Grünflächen geschaffen werden und bestehende Grünflächen zu Gunsten von neuen Wohn- und Verkehrsflächen weichen müssen sowie private Grundstücke und Gärten weiter versiegelt werden. Begrünungen von Bestandsgebäuden finden aufgrund fehlender Begrünungspflicht in alten Bebauungsplänen oder Vorgaben vom Bestandsschutz nur selten statt.

Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurde die Osnabrücker Gründachstrategie entwickelt, die aus sechs sich einander ergänzenden Maßnahmen besteht. Die Gründachstrategie betrachtet sowohl Bestandsgebäude als auch Neubauten und richtet sich an alle Bauherren und Gebäudeeigentümer Osnabrücks.

Potenzialermittlung und Gründachkataster

 Um den Mehrwert von Dachbegrünung und die ökologische Leistung von Einzelmaßnahmen auf das gesamte Stadtgebiet bezogen darstellen zu können, wurde eine Potenzialanalyse erstellt. Diese basiert auf einer gesamtstädtischen GIS-Analyse anhand aktueller Laserscandaten von 67.000 Gebäuden. Das Ergebnis zeigte, dass, ungeachtet der individuell zu prüfenden Statik, 35.000 Gebäude mit einer Gesamtdachfläche von rund 3,6 km² für die Begrünung potentiell geeignet sind. Würden diese Dachflächen mit einer nur 10 cm dicken Substratschicht begrünt, so könnten bei einem Starkregenereignis bis zu 53 Mio. Liter Regenwasser pro Stunde zurückgehalten werden, 43 Mio. m³ Luft um 0,2 – 2,0 °C abgekühlt und 2.800 Tonnen CO2 gebunden werden und als Lebensraum für Insekten und weitere Arten dienen. Darüber hinaus wurde ermittelt, in welchen Stadtteilen sich die geeigneten Gebäude befinden und ob sie bereits einem Bebauungsplan oder anderen Auflagen unterliegen. Diese Informationen bilden die Grundlage für die weiteren Strategie-Bausteine.

Die GIS-Analyse wurde zusätzlich für die Entwicklung eines öffentlich verfügbaren interaktiven Gründachkatasters verwendet. So erfahren interessierte Bürgerinnen und Bürger, ob ihre Dachfläche, ungeachtet der Statik, grundsätzlich zur Begrünung geeignet ist und welche Wassermenge rein rechnerisch zurückgehalten werden könnte.

Förderprogramm „Grün statt Grau“, Ausweitung der ökologischen Kriterien in der Bauleitplanung und Prüfung einer Freiraumgestaltungssatzung

Die Begrünung von Bestandsgebäuden ist besonders schwierig zu erreichen, bedeutet sie doch gegebenenfalls großen Aufwand und ist die Wirtschaftlichkeit der Maßnahme nicht leicht erkennbar. So sollte das Förderprogramm „Grün statt Grau“ der Stadt Osnabrück als Anreiz für alle Gebäudeeigentümer dienen, ihre Dachflächen im Bestand zu begrünen. Die ursprünglich für 2019 eingeplante Summe war in wenigen Wochen vergeben. Aufgrund des großen Anklangs wird das Förderprogramm weiter fortgeführt. Daneben honoriert die Stadt die Einrichtung eines Gründachs mit einer Minderung der Niederschlagswassergebühr um 50 %.

Mit der Aktualisierung der ökologischen Kriterien in der Bauleitplanung 2019 sollen alle flach geneigten Dächer aller Neubauten via Festsetzung mit einem Gründach oder aber einer Solaranlage flächendeckend bestückt werden, ausgenommen sind nur Nebengebäude mit einer Dachfläche kleiner 50 m². Diese Festsetzung wird in jeden neuen Bebauungsplan aufgenommen.

Durch eine Freiraumgestaltungssatzung inklusive Dachbegrünungssatzung sollen künftig auch Bestandsdächer erreichen werden, die vor dem Inkrafttreten der ökologischen Kriterien in der Bauleitplanung errichtet wurden und unbegrünt sind. Die Prüfung hierzu ist derzeit noch nicht abgeschlossen.

Auch bei den eigenen Liegenschaften werden seit 2019 im Zuge von Neubau- und Sanierungsmaßnahmen Dach- und Fassadenbegrünungen geprüft und möglichst umgesetzt.