„Appetit kommt beim Essen“ – Zum geplanten Aufbau eines Glasfasernetzes in Barmstedt

Im Vergleich zu den herkömmlichen Kupferkabeln, die den Einwohner derzeit den Internetzugang gewährleisten, sind Glasfasern erheblich leistungsfähiger. Die Kommune verspricht sich vom Umbau schnelleres Internet mit einer Übertragungsrate von 100 Megabit pro Sekunde, kostenloses telefonieren, hoch auflösendes Fernsehen, Herunterladen von Filmen und das Abhalten von Videokonferenzen. Das Glasfasernetz würde die Gemeinde rund 5 Mio. Euro kosten. Derzeit befindet man sich noch in der Planungsphase. Der Werkausschuss der Kommune befürwortete einstimmig, die Stadtwerke sollten die „technisch-wirtschaftlichen Möglichkeiten zum Aufbau und Betrieb eines Breitbandnetzes weiter prüfen.“
DStGB-online sprach mit Stadtwerkechef Fred Freyermuth über die Chancen und Herausforderungen von Glasfasernetzen für Barmstedt und Deutschland.

DStGB-online: Herr Freyermuth, ein Kilometer Glasfaserkabel kostet 50.000 Euro. Warum reichen Ihnen die bewährten Kupferkabel nicht mehr?

Freyermuth: Barmstedt gehört definitiv nicht zu den weißen Flecken, die keine oder nur geringe Kapazitäten in der TK-Infrastruktur besitzen. Im Gegensatz zu anderen Bereichen verfügen wir mit teilweise 5 Mbit/s über eine relative gute Struktur. Das ist jedoch nur eine Momentaufnahme. Ich bin der festen Überzeugung, dass zwei Faktoren die Situation schnell ändern werden: Die nach wie vor rasant steigenden technischen Anforderungen werden die heutzutage ausreichend erscheinenden Möglichkeiten veralten lassen. Und etwas, was nicht zu unterschätzen ist: der Appetit kommt beim Essen. Wer einmal „Avatar“ im Kino gesehen hat, der kann erahnen, welche Technik in unseren Wohnzimmern einziehen wird. Über HDTV hinaus wird es 3D-Fernsehen geben, in Amerika wurde das erste LWL Netz für derartige Anwendungen in Betrieb genommen. Hierfür sind Bandbreiten erforderlich, die ein Kupfersystem, trotz Weiterentwicklung, niemals leisten kann. Meine Prognose ist, dass es in den Bereichen mit LWL-Anbindung auch keine Videotheken mehr geben wird, denn Sie können sich innerhalb weniger Minuten einen 90-minütigen HDTV Spielfilm auf den Rechner laden.

DStGB-online: Die Bundesregierung hat sich des Themas schneller Kommunikation und Information bereits angenommen. Die Breitbandstrategie der Bundesregierung verfolgt das Ziel, eine schnelle und flächendeckende Verfügbarkeit mobiler und leitungsgebundener Breitband-Hochleistungsnetze herzustellen. Sind Glasfasernetze hierfür ein geeignetes Mittel?

Freyermuth: Das Ziel der Landes- und Bundesregierungen ist eine sogenannte Grundversorgung. Unser Netz geht weit über diesen Ansatz hinaus, denn wir legen die Fasern bis ins Haus. Das wird aus Kostengründen bei der Erschließung ländlicher Gebiete eher nicht erfolgen. Vielmehr wird dort die schnelle Verbindung nur bis zum KVz geführt und dann klassisch über die vorhandenen Kupferleitungen der Telekom im Dorf weiter übertragen. Ich halte das für eine Zwischenlösung, denn ein Ausbau bis in jedes Haus (wie es in Schweden gesetzlich verankert wurde) ist durch nichts zu ersetzen, erst recht nicht durch Funk-Lösungen.

DStGB-online: Sie sind eine recht kleine Gemeinde mit 9.500 Einwohnern. Der geplante Bau eines Glasfasernetzes kostet rund 5 Mio. Euro. Könnten größere Kommunen ein solches Netz finanziell überhaupt stemmen?

Freyermuth: Die Stadt Barmstedt ist in der glücklichen Lage über ein erfolgreiches eigenes Stadtwerk zu verfügen. Insbesondere unsere Aktivitäten im Erdgasgeschäft in fremden Netzen versetzen uns in die Lage derartige Projekte auch ohne Förderung anzuschieben. Wir investieren hier in vollem Bewusstsein, dass es sich um langfristige Infrastrukturen handelt, die eher der Daseinsvorsorge dienen als überhöhten Renditeerwartungen anonymer Aktionäre. Schließlich sind wir als Eigenbetrieb zu 100% kommunal und damit keinem shareholder Value Prinzip verpflichtet.

DStGB-online: Muss der Bürger nach Fertigstellung des Glasfasernetz mit höheren Kosten rechnen?

Freyermuth: Nein, der Anschluss kostet nichts und wir beabsichtigen jedes Haus anzuschließen, egal ob unsere Medienangebote genutzt werden oder nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass innerhalb weniger Jahre der Bedarf so gestiegen sein wird, dass fast jeder Haushalt diese Möglichkeiten nutzen wird.

DStGB-online: Welche Vorteile bringt das Glasfasernetz für Kommune und Verbraucher?

Freyermuth: Die Kreise Pinneberg und Segeberg sind sehr gut bedient, denn die Wilhelm-Tell GmbH aus Norderstedt hat eine beachtliche Vorreiterrolle eingenommen. Die Kommunikationsmöglichkeiten für Haushalte und Betriebe sind bekannt und haben diese Region stark gefördert. Mittlerweile rüsten viele Wohnungsunternehmen ihre Objekte mit Millionen Investitionen auf, damit die Nachfrage der Mieter und potentiellen Mieter bedient werden kann. Es ist bereits nachweisbar, dass Wohnungen ohne diese Möglichkeiten deutlich schlechter zu vermarkten sind. Diese Vorteile für die Wohnungswirtschaft und die Gewerbebetriebe haben natürlich direkten Einfluss auf die Kommune.

DStGB-online: In der Presse war zu lesen, dass sich für die Stadtwerke neue Möglichkeiten der Abrechnung ergeben. Könnten Sie das etwas genauer erklären?

Freyermuth: Wir planen in jedes Haus einen Anschluss zu verlegen, damit wir mittelfristig auch den gestiegenen Anforderungen für Zählerablesung und Abrechnung nachkommen können. Unser Ansatz verfolgt das Ziel, dass wir die monatlichen Ablesungen und Abrechnungen unserer Energiekunden im Netz Barmstedt nicht nur für einzelne Kunden durchführen, sondern grundsätzlich. Nur so lassen sich die Vorteile, die sich durchaus auch für den Lieferanten ergeben, voll nutzen. Maximale Transparenz in der Abrechnung und online Rechnungslegung sind den meisten Kunden anhand der Handy-Tarife bekannt. Das wird mittelfristig auch bei uns eingeführt werden, ohne dass wir dann auf fremde TK-Netze oder GSM-Modems angewiesen sind. Smart Metering ist ein zusätzlicher Nutzen, aber natürlich stehen die medialen Dienste im Vordergrund.

DStGB-online: Herr Freyermuth, wir danken Ihnen für das Gespräch.

– Das Interview führte Joost Winkler –

Glossar:

HDTV: High Definition Television (hochauflösendes Fernsehen) zeichnet sich gegenüber herkömmlichen Fernsehen durch eine erhöhte vertikale, horizontale oder temporale Auflösung aus.

LWL: Lichtwellenleiter bezeichnet den Oberbegriff für alle lichtleitenden Leitungen, worunter auch die Glasfaser fällt. Während die elektrischen Signale in Kupferleitungen als Elektronen von einem zum anderen Ende wandern, werden diese in Glasfaserkabeln durch Photonen (Lichtteilchen) weitergeleitet.

KVz: Der Kabelverzweiger ist ein Schaltschrank zur Kabelverteilung der Leitungen innerhalb eines Fernsprech-Ortsnetzes, der Hauptkabel mit Verzweigungskabel verbindet.

Smart Metering: Hierbei handelt es sich um einen intelligenten Stromzähler, der über eingebaute Zusatzfunktionen oder nachträgliche Module die erfassten Zählerstände vom Energieversorgungsunternehmen über die Ferne auszulesen kann.