DStGB-VizepräsIdent Grote: Glasfaser wird zum Lebenselixier

KOMMUNAL: Sie sind Oberbürgermeister von Norderstedt, leiten die Verwaltung bereits seit 17 Jahren. Ergebnis: Steigende Einwohnerzahlen, sprudelnde Gewerbesteuern und eine hohe Kaufkraft. Wie haben Sie das geschafft?
GROTE: Daran haben viele mitgearbeitet! Norderstedt liegt direkt vor den Toren Hamburgs. Diese Lagegunst haben wir genutzt. Unsere unmittelbare Nachbarschaft zu Hamburg ist eine riesige Chance, es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille. Obwohl wir inzwischen über 77.000 Einwohner haben und weiter wachsen, haben wir bisweilen immer noch das Problem, als eigenständige Stadt erkannt zu werden. Das gilt sowohl für Menschen, die nach Norderstedt ziehen wollen, als auch für Unternehmen, die darüber nachdenken, sich bei uns anzusiedeln. Vor diesem Hintergrund haben wir uns als Stadt die Frage gestellt: Was brauchen die Menschen eigentlich? Was erwarten sie von ihrer Kommune? Wir haben dann im Jahr 2000 angefangen, die ganze Stadt mit Glasfaser auszustatten. Jeder Haushalt, jedes Unternehmen kann im Standardpaket mit mindestens 100 Mbit surfen. Sie können das Paket theoretisch auf 500 Mbit erweitern. Der nächste Schritt wird dann die Versorgung mit 1 GB sein. Nicht zuletzt wegen dieser hervorragenden technischen Möglichkeiten haben viele auch international agierende Unternehmen ihren Sitz nach Norderstedt verlagert. Darüber hinaus haben wir gerade die ganze Stadt mit einem flächendeckenden, für die Bürger kostenfreien WLAN-Netz ausgerüstet.

KOMMUNAL: Funktioniert das, was Sie in Norderstedt erreicht haben, auch in ländlichen, strukturschwachen Regionen?
GROTE: Der Ausbau einer solchen Glasfaserinfrastruktur ist in verdichteten Regionen leichter als im ländlichen Raum. Sehr viel wichtiger ist die Frage der Kosten und deren Finanzierung. Wir haben damals rund 60 Millionen Euro in den Glasfaserausbau investiert. Das städtische Unternehmen, das wir damals gegründet haben, hat heute einen Anlagewert von deutlich über 100 Millionen. Im Grunde kann man ein solches Projekt überall umsetzen. Aber natürlich fällt es uns als einer wachsenden Stadt in einer Metropolregion wesentlich leichter, solche Summen aufzubringen als einer schrumpfenden Kommune im ländlichen Raum.
KOMMUNAL: Eine Mammutaufgabe, die die Kommunen in den nächsten Monaten und Jahren vor große Herausforderungen stellen wird, ist die Integration von Flüchtlingen. Wie ist Norderstedt bei diesem Thema aufgestellt?

GROTE: Sehr gut. Schon damals vor 20 Jahren, als viele Flüchtlinge nach Norderstedt kamen, war das Thema nicht negativ besetzt. Norderstedt ist ja eine sehr junge, „künstliche Stadt“, die am 1. Januar 1970 aus vier Gemeinden zweier verschiedener Landkreise geschaffen wurde. Unsere Stadt ist seitdem stark gewachsen. Heute leben über 140 Nationalitäten in Norderstedt. Unsere Bürger haben keine Angst vor Zuwanderung. Wir waren schon immer eine multikulturelle Stadt, in der auch die ausländischen Mitbürger über ihre Kultur- oder Sportvereine fest integriert sind. Engagierte Bürger haben sich ehrenamtlich zum Verein „Willkommen-Team“ Norderstedt zusammengeschlossen, dessen Mitglieder jeden Neubürger begrüßen und herzlich in Empfang nehmen.

KOMMUNAL: Amtskollegen aus Niedersachsen glauben, dass Zuwanderung auch mit Blick auf den demografischen Wandel eine große Chance gerade für schrumpfende Städte und Gemeinden sein könnte. Was halten Sie von dieser These?

GROTE: Natürlich ist auch Norderstedt vom demografischen Wandel betroffen. Auch wir werden einen überproportionalen Anstieg des Anteils älterer Mitbürger haben – deutlich stärker als im Landesdurchschnitt. Das wird natürlich auch Auswirkungen auf die Gemeindeanteile an der Einkommensteuer haben. Von daher müssen wir uns intensiv darum bemühen, verstärkt junge Menschen in die Stadt zu holen. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. 2030 werden gemäß der Prognosen in Norderstedt mehr als 5000 Fachkräfte fehlen. Es wäre falsch zu glauben, dass wir diese dringend benötigten Fachkräfte aus Hamburg oder anderen Städten alle abwerben können. Auch andere Kommunen werden um Fachkräfte werben. Der Zuzug von Asylsuchenden ist für die Kommunen also eine doppelte Chance.

KOMMUNAL: Wie wollen Sie denn umgekehrt verhindern, dass ältere Menschen von Norderstedt nach Hamburg abwandern?
GROTE: Es war schon immer so, dass Menschen in einer bestimmten Lebensphase lieber in der Stadt oder eben dem Land leben wollen. Das können Kommunen nur schwer steuern. Was uns Sorge bereitet, ist der deutliche Anstieg bei den Miet- und Eigentumskosten. Es besteht die Gefahr, dass gerade junge Familien in das weitere Umland abwandern, weil sie sich alles andere nicht leisten können. Wir versuchen Betroffenen attraktive Wohnungsangebote zu machen, aber natürlich sind unsere Handlungsmöglichkeiten begrenzt. Daneben versuchen wir durchaus, die Betreiber von Seniorenresidenzen nach Norderstedt zu locken. Wir wollen nicht nur alle Senioren bestmöglich versorgen, sondern auch finanzstärkere Senioren in Norderstedt halten. Das funktioniert aber nur mit entsprechenden Angeboten.

KOMMUNAL: Seit Ende Mai sind Sie Präsident des Deutschen Bibliotheksverbandes. Sind Bibliotheken im Zeitalter der Digitalisierung überhaupt noch zeitgemäß?
GROTE: Bibliotheken als Bücherhallen zum Ausleihen von Medien werden sicherlich immer stärker in den Hintergrund treten. Aber als zentrale Orte der Begegnung und der Kommunikation werden sie wesentlich an Bedeutung gewinnen. Als Stadt haben wir die Aufgabe, Orte zu schaffen, an denen die Menschen verschiedener Generationen sich treffen können. Bibliothekare werden künftig sehr viel stärker auch soziale Aufgaben übernehmen und Veranstaltungen anbieten, die junge und alte Menschen zusammenführen. In Norderstedt praktizieren wir das bereits seit einigen Jahren mit großem Erfolg und wollen diesen Trend mit dem Neubau eines Bildungshauses als Mix aus Bücherei, VHS und multimedialem Quartierstreff noch weiter verstärken.

KOMMUNAL: 2016 gehen Sie erneut ins Rennen um das Oberbürgermeisteramt. Welche drei Themen stehen auf Ihrer politischen Agenda ganz oben?
GROTE: 1. Nachhaltigkeit: Mir ist eine nachhaltige Stadtentwicklung sehr wichtig. Das, was wir in diesem Bereich in Angriff nehmen, muss wirtschaftlich sinnhaft, sozial gerecht und der Umwelt dienend sein. 2. Geborgenheit: Ich möchte, dass sich die Menschen in Norderstedt wohlfühlen. Das kann nur gelingen, wenn Nachbarschaft und Vertrautheit möglich sind. Das sollte sich auch in einer Architektur niederschlagen, die Anonymität und Vereinsamung vermeidet. Und 3. Kommunikation: Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur – und natürlich das Thema Datensicherheit. Wir bauen derzeit große Rechenzentren, um gerade unseren Unternehmen Sicherheit im IT-Bereich bieten zu können und Cyberkriminalität vorzubeugen. Das sind für mich drei sehr wichtige Bausteine der künftigen Arbeit.