Zukunftsstadt ist Fahrradcity

Am 2. Deutschen Kommunalradkongress, der am 15. Juni 2016 in Bingen am Rhein stattfand, haben sich mehr als 120 Teilnehmer aus ganz Deutschland über die Radverkehrsförderung ausgetauscht. Der Kongress befasste sich mit den Wirkungen des Radverkehrs auf die Attraktivität der Kommunen unterschiedlicher Größenordnungen. Sowohl für Reken (NRW, 14.400 Einwohner) und Heidelberg (Baden-Württemberg, 155.000 Einwohner), deren Bürgermeister, bzw. Oberbürgermeister über ihre Erfahrungen mit der Radverkehrsförderung referierten, konnte festgestellt werden: das Ausmaß der Fahrradfreundlichkeit einer Stadt ist ein gutes Indiz für die Attraktivität der Stadt für Einwohner und Unternehmen.

Der Kongress befasste sich deshalb unter anderem mit der Frage, wie der Radverkehr besser mit dem Straßen- und Fußgängerverkehr verknüpft werden kann. Der Ausbau des Radwegenetzes ist eine wichtige Voraussetzung dafür, indem moderne, sichere und ausreichend breite Radwege angeboten werden. Dann sind sie ein «Vitalitätsprogramm für Städte». Radschnellwege könnten z.B. von Pendlern mit dem E-Bike genutzt werden. Sie müssten aber baulich von Autowegen getrennt sein und es darf keine Mischnutzung mit Fußgängern geben.

Die Inhalte des ersten Teils des Kongresses, bevor es in vertiefenden Fachforen weiterging, lassen sich wie folgt nachzeichnen: 

Es bedarf weiterhin der Verknüpfung des Radfahrens mit dem ÖPNV und der Einbindung in ein Mobilitätskonzept, welches sich auf alle Verkehrsarten einschließlich Fußgänger und Autofahrer erstreckt. Dabei muss das E-Bike eine wesentliche Rolle spielen, auch wenn es die Städte vor Herausforderungen bei der Infrastruktur stellt. Die Verkaufszahlen von E-Bikes als Pedelecs steigen ständig und liegen über 500.000 im Jahr. Dafür müssen sichere Abstellanlagen wie Boxen und Ladestationen im öffentlichen Raum geschaffen werden. Auch im Gebäudebestand müssen bessere Abstellanlagen geschaffen werden. Wie der einfache Radweg aus den 80ern ist der Fahrradkeller mit Treppe nicht mehr zeitgemäß.

Das wirtschaftliche Potenzial des Radverkehrs ist enorm. 16 Milliarden Euro setzt die Branche jährlich mit rund 253 000 Beschäftigten um. „Die Menschen sind bereit, in das Rad zu investieren; dabei geht es auch um ein anderes Lebensgefühl.“, stellte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Dr. Gerd Landsberg fest. Das Potenzial des Rades ist wirtschaftlich, aber auch verkehrstechnisch noch lange nicht ausgeschöpft.

Vertreter der kommunalen Spitzenverbände, aus der Verkehrswissenschaft, der Verkehrssicherheit und vom ADAC sowie dem ADFC stellten im Rahmen einer Podiumsdiskussion unter Leitung des Bundesgeschäftsführers des ADFC, Burkhard Stork, einmütig fest, dass mehr Radverkehr bei besserem Raummanagement auf den Straßen deren Ausnutzung verbessert. Auto und Rad können sich gut ergänzen und mehr Verkehr abwickeln als bisher, sagte Dr. Klaus Manns, Vorsitzender des ADAC Mittelrhein, der damit zugleich die Feststellung von Burkhard Stork bestätigte, dass die meisten Auto- und Rad-Fahrende identisch sind, weil sie beide Verkehrsmittel nutzen.

Ausschlaggebend für die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur „Straße“ ist es nicht, hohe Fahrgeschwindigkeiten zu ermöglichen, sondern die Reisegeschwindigkeit insgesamt zu erhöhen. Das gehe auch bei hohem Anteil von Tempo-30-Strecken. Dies sind die Erkenntnisse des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR), die der Hauptgeschäftsführer des DVR, Christian Kellner präsentierte. Schließlich sind ca. die Hälfte aller Autofahrten in der Stadt kurze Fahrten unter 3 Kilometer und eignen sich ideal für die Fahrt mit dem Fahrrad. Der Radverkehr besitzt somit ein nicht zu unterschätzendes Potential, den innerstädtischen Autoverkehr zu ersetzen, gab der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr, Norbert Barthle seine Einschätzung des Potentials des Radverkehr weiter.

Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Prüm und Vorsitzende des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz, Aloysius Söhngen, wies darauf hin, dass die Städte und Gemeinden die nötigen Verkehrsanordnungen selbst treffen können sollten, denn vor Ort könnten die erforderlichen Regelungen am besten eingeschätzt werden. Dies zeige sich am Beispiel der Tempo-30 Anordnungen gut, weil eine pauschale Absenkung der innerörtlichen Höchstgeschwindigkeit z.B. bei langen Ortsdurchfahrten eben nicht immer gut sei.

Dr. Wolfgang Neutz, Hauptgeschäftsführer des Städtetages Rheinland-Pfalz und der bestätigte das aus seiner Erfahrung, ebenso wie den Nutzen und das Potenzial stärkeren Radverkehrs, hob aber die Notwendigkeit des guten Miteinander der Verkehrsarten und ihre Integration in der Praxis hervor. Das Auto werde auf absehbare Zeit hinsichtlich seines Verkehrsanteils und seiner Qualität als Mobilitätsgarant eine wichtige Rolle spielen.

Zudem sind bestehende Konflikte zwischen Rad-, Fußgänger- und Autoverkehr nicht zu leugnen. „Da wird man Regeln brauchen. Aber was man regelt, muss man dann auch kontrollieren.“, so die Feststellung von Dr. Landsberg. Der Oberbürgermeister der einladenden Stadt Bingen, Thomas Feser empfahl in diesem Zusammenhang Kommunikation. Das Gespräch mit den Beteiligten bringe mehr, als alles regeln zu wollen. So sei eine zeitlich befristete Öffnung der Fußgängerzone für den Radverkehr, z.B. um Arbeitswege für Pendler abzukürzen, gut vorstellbar, wenn es vorher mit den Beteiligten diskutiert werde.

Der Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg, zugleich Präsidiumsmitglied des Deutschen Städtetages, Prof. Dr. Eckart Würzner stellte die Radverkehrsförderung als zentraler Teil des Mobilitätskonzeptes der Stadt Heidelberg heraus. Das sei kostspielig, aber der Druck durch den stetig anwachsenden motorisierten Individualverkehr auf die historische Infrastruktur der Stadt sei so groß geworden, dass die Stadt es habe machen müssen. Er wies allerdings auch darauf hin, dass der Radverkehr im Vergleich zum ÖPNV relativ einfach und günstig auszubauen sei. Das Fahrrad könne somit eine zentrale Rolle im Mobilitätssystem der Zukunft spielen, teilte er seine Erfahrungen mit. Dabei komme den Rathäusern eine Vorbildrolle zu, so Bürgermeister Manuel Deitert aus Reken, dem Spitzenreiter der fahrradfreundlichen Städte unter 50.000 Einwohner  entsprechend Fahrradklimatest 2014.

Fahrradfreundliche Straßenräume haben eine geringe Barrierewirkung. Das ist gut für die Stadt. Auf die Notwendigkeit, dennoch eine gute  und erkennbare Verkehrsführung vorzunehmen, wies Bernd Herzog-Schlagk, Vorstandsmitglied des FUSS e.V. hin, denn ansonsten wachse der Radverkehrsanteil auch dort, w er nicht hingehöre, wie z.B. in Parks und Grünanlagen für Fußgänger. Das führe zu vermeidbaren Gefahren.

Zur Weiterentwicklung des Verkehrs in Städten und Gemeinden gab der Verkehrspsychologe Prof. Bernhard Schlag von der Technischen Universität Dresden die wichtige Anregung, dass zum Raummanagement noch ein Zeitmanagement des Verkehrs kommen müsse, damit Veränderungen von den Verkehrsteilnehmern akzeptiert würden. Wenn den Verkehrsteilnehmern klar werde, dass sie Zeit „gewinnen“ wenn sie zu Fuß gehen der Rad fahren, dann entstehe auch nicht der Eindruck, dass man dem Autoverkehr etwas „wegnehme“ wenn Platz neu verteilt wird. Das sei aber zweifellos nötig, denn die aktuelle Verkehrsinfrastruktur sei das Ergebnis gebauter Ideen von vor 40 Jahren.

Weitere Ergebnisse und Bilder des 2. Deutschen Kommunalradkongresses finden sich in Kürze unter www.kommunalradkongress.de

(Foto v. l. n. r.: Dr. Gerd Landsberg, DStGB-Hauptgeschäftsführer, Norbert Barthle, Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr , Timm Fuchs, DStGB-Beigeordneter für Verkehr © Frauke Bönsch, www.fash.de)

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