„Smart Cities“ für die Zukunft gerüstet

Stefan Söchtig, Geschäftsführer der Technischen Werke Friedrichshafen und seit 2009 Projektleiter T-City

Im Mittelpunkt der Diskussionen über zukünftige Modernisierungsvorhaben in Städten und Gemeinden stehen zunehmend IT-basierte Lösungen. Das Schlagwort „Smart Cities“ rückt dabei immer mehr in den Fokus. Allein eine Google-Recherche nach diesem Begriffspaar verzeichnet bereits über eine halbe Millionen Einträge. Aber was genau verbirgt sich hinter dem Konzept der ‚Stadt von morgen’? Obwohl eine Vielzahl von Begriffserklärungen vorliegt, sind die mit der Idee der „Smart Cities“ verbundenen, konkreten Inhalte meist wenig greifbar. Eine eindeutige Definition fehlt.

Praktische Ansätze gibt es weltweit jedoch bereits viele. So helfen in Stockholm intelligente Mautsysteme, Verkehrsstaus zu verhindern und Emissionen zu reduzieren. In Sao Paulo wird die Qualität des Trinkwassers durch ein IT-basiertes Wasser-Management verbessert. Und in der Nähe von Abu Dhabi wird mit Masdar City eine Stadt errichtet, die ganzheitlich auf intelligent vernetzten Infrastrukturen aufbaut. Die Stadt Friedrichshafen am Bodensee kann in diesem Zusammenhang als eines der wenigen „Forschungslabore“ in Deutschland benannt werden. Seit rund drei Jahren wird in der Stadt am Bodensee an dem Projekt „T-City“ gearbeitet. Damit befindet sich die auf fünf Jahre angelegte Öffentlich-Private-Partnerschaft (ÖPP) zwischen der Stadt Friedrichshafen und der Deutschen Telekom AG etwa in der Halbzeit. Um die Grundvoraussetzung für ein vernetztes städtisches Leben zu schaffen, wurde bei Projektbeginn zunächst ein flächendeckender Breitbandausbau in Friedrichshafen verwirklicht. Mittlerweile sind 98 Prozent aller Haushalte vor Ort mit den schnellen VDSL-Verbindungen versorgt, die Übertragungsgeschwindigkeiten bis zu 50 MBit/s ermöglichen.  

Mit bisher rund 40 Projekten in sechs Themenfeldern arbeitet die T-City bis mindestens 2012 am Zukunftsmodell der vernetzten Stadt. Dabei wird der zentralen Fragestellung nachgegangen, wie IT helfen kann, die Standort- und Lebensqualität vor Ort zu verbessern. Seit dem Jahr 2009 leitet Stefan Söchtig, Geschäftsführer der Technischen Werke, die Projektvorhaben in Friedrichshafen. Auf Einladung des Netzwerk Zukunftsstädte, stellte Söchtig in einem multimedialen Online-Vortrag rund 30 Teilnehmern das Konzept der T-City vor und verdeutlichte anhand von Praxisbeispielen aus unterschiedlichen Projektfeldern, wie IT-Lösungen in Friedrichshafen mittlerweile dazu beitragen, den Herausforderungen von morgen effizient zu begegnen. In einigen aktuellen Schwerpunkten wie den Bereichen Energie und Bildung werden in der Stadt am Bodensee bereits heute wichtige Schritte hin zur „Smart City“ getan.

Durchgeführt wurde die kostenlose Online-Konferenz mit Hilfe des Kommunikationstools Webex. Über einen den registrierten Teilnehmern vorab zugesandten Internetlink gelangten sie automatisch auf die Konferenzseite. Nach dem Einloggen mittels Passwort bekamen alle Beteiligten die Möglichkeit, sich bei der parallel zum Powerpoint-ähnlichen Vortrag laufenden Telefonkonferenz einzuklinken und so den Ausführungen Söchtigs zu folgen.

Smart Grid: Stefan Söchtig erklärte Reinhard Clemens, René Obermann und Friedrich Fuß in der Leitstelle der Technischen Werke Friedrichshafen die Fortschritte des Projekts (v.l.n.r..).

Ein wesentliches Projektziel der T-City stelle der Aufbau intelligenter Energiesysteme dar, berichtete Söchtig. Durch den Einsatz von so genannten Smart-Meters, die den Stromverbrauch elektronisch erfassen und deren gesammelte Informationen auch vom Computer oder mobilen Endgeräten abgerufen werden können, erhält der Verbraucher die Möglichkeit, seinen Stromverbrauch abzulesen und sein Nutzungsverhalten anzupassen. Dies kann bereits kurzfristig zu Kosteneinsparungen führen. Derzeit läuft in Friedrichshafen dazu ein Testversuch mit zahlreichen Kunden. Künftig sollen vor Ort alle Strom- und Gaszähler an das Internet angeschlossen werden. Über Smart Metering könne man den Weg hin zu sogenannten intelligenten Häusern sowie zu flächendeckend IT-gestützten Energienetzen einschlagen, sagte Söchtig. Langfristig würde man somit zu einem ganzheitlich effizienten Energiekonzept gelangen. Der große Nutzen von derart ausgebauten Stromnetzen werde im Bereich der Elektromobilität deutlich: Elektromobile könnten als „rollende Energiespeicher“ für schwankende Energieauslastungen und unregelmäßig verfügbaren Strom, etwa aus Windkraft, eingesetzt werden. Zeitabhängige Stromtarife könnten darüber hinaus dazu beitragen, Erzeugung und Verbrauch in Einklang zu bringen. Die Nutzer würden dadurch nicht nur ihren Stromfluss gezielt kontrollieren können, sondern ebenso von flexiblen und günstigeren Tarifen profitieren, so Söchtig.

Ein zusätzlicher Schwerpunkt der Vorhaben in der T-City liegt auf der Unterstützung des lebenslangen Lernens und der Vermittlung von Medienkompetenz. In den Schulen wird hierzu bereits die Online-Lernplattform „Edunex“ eingesetzt. Diese kann in die Unterrichtsgestaltung integriert werden, zum Austausch von Aufgaben dienen und bei der Vernetzung von Schülern und Lehrern helfen. Darüber hinaus wird sich gleichermaßen darum bemüht, der älteren Bevölkerung IT-Kenntnisse zu vermitteln. Insbesondere im Raum Friedrichshafen, in dem viele ältere Menschen leben, wird es immer wichtiger, der Bevölkerung mittels IT-Lösungen möglichst lange ein selbständiges Leben in ihrem gewohnten Umfeld zu ermöglichen.  So könnten sich die Kommunen langfristig auf den demographischen Wandel einstellen und die Versorgung in sozialen Einrichtungen wie Alters- und Pflegeheimen anpassen, so Söchtig.

Stadt Friedrichshafen

Für andere Städte und Gemeinden ebenfalls von besonderem Interesse sind die verschiedenen Ebenen der Projektzusammenarbeit zwischen der Stadt Friedrichshafen und der Deutschen Telekom AG als Öffentlich-Private-Partnerschaft (ÖPP). Eine derartige Kooperation einer Stadtverwaltung und eines Konzerns, deren Größe und Zusammensetzung sich erheblich unterscheiden, deren Arbeitsprozesse unterschiedlich ablaufen und deren Zielsetzungen in Teilen voneinander abweichen, ist in Deutschland bisher einzigartig. Nach einigen Startschwierigkeiten habe man die nötigen Strukturen für eine gute Kooperation geschaffen, erklärte Söchtig. Zu Beginn einer derartigen Zusammenarbeit sei es essentiell, dass die beteiligten Akteure die Zielsetzungen angleichen und die Projektinhalte ausreichend untereinander kommunizieren. „Die Inhalte müssen zu Beginn im Vordergrund stehen – nicht die Technik. Die Stadt will kein Geld verdienen, sondern Kosten senken und die Standort- und Lebensqualität vor Ort verbessern. Um diese Ziele zu erreichen müssen die Zielsetzungen aller Partner präzise formuliert werden“, resümierte Söchtig.

Wesentliche Motivation bei der Umsetzung sämtlicher Projekte für die Stadt sei, dass neuartige IuK-Technologien als Innovationsmotor der Wirtschaft Impulse für Wachstum, Produktivität sowie die Erschließung neuer Märkte geben, so Söchtig. Das erhöhe die Standortqualität für Städte und Gemeinden. Darüber hinaus würde der Einsatz intelligenter Technologien zu effizienteren Arbeitsabläufen führen und damit zu einer Erhöhung der Servicequalität für die Bürger beitragen. „Gewisse Teilbereiche lassen sich in Städten und Gemeinden nicht mehr ohne die Hilfe von IT lösen. Je früher Städte auf den Einsatz von „smarten“ Technologien setzen, desto effizienter begegnen sie den Herausforderungen der Zukunft“, rät Söchtig.

Auf den rund 30-minütigen Online-Vortrag folgte eine Diskussions- und Fragerunde. Für ein konkretes Anwendungsbeispiel zur Speicherung von Strom interessierte sich einer der Konferenzteilnehmer. In diesem Zusammenhang erkundigte er sich, ob neben der Möglichkeit der „mobilen“ Speicherung von Strom durch Elektromobile zusätzlich auch die Option bestünde, den Strom „stationär“ in Speicher-Akkus in den Haushalten zwischenzulagern. Die Installation ‚fester’ Speicher sei bereits in Planung, informierte Söchtig. In Zukunft solle überdies auch die Möglichkeit bestehen, dass Haushaltsgeräte wie Waschmaschine oder Kühlschrank in das Speichersystem integriert würden.

Ob die Ergebnisse der T-City-Projekte auf andere Städte und Gemeinden übertragbar seien, fragte ein weiterer Teilnehmer über die im Konferenzmodul integrierte Chatfunktion. Von wesentlicher Bedeutung bei der Umsetzung einer derartigen ÖPP bzw. eines städtischen Projektes generell sei ein effizientes Management, antwortete Söchtig. Zur Erprobung seien daher besonders kleinere Vorhaben geeignet. Konzepte mit einem überschaubaren Rahmen wie bspw. das des „Kindergarten Online“, bei dem Eltern die Möglichkeit erhalten, ihr Kind online für einen Kindergartenplatz anzumelden, seien bei vorhandener IT daher recht schnell auf andere Städte und Gemeinden übertragbar. „Bei derartigen Vorhaben können die Beteiligten ein geeignetes Management entwickeln und Erfahrungen in der Zusammenarbeit, auch mit externen Partnern wie Unternehmen, sammeln. Diese Kenntnisse erleichtern dann die Umsetzung größerer Planungen erheblich“, so Söchtig.

Mark Kieser, Stadtplaner aus Hassloch, informierte sich über die Möglichkeiten der Breitbandanbindung im ländlichen Raum. Schnelle Internetverbindungen seien die wesentliche Voraussetzung für die ‚smarte’ Welt von Morgen, so Söchtig. Leider sei der Breitbandausbau im ländlichen Raum für die Telekommunikationsunternehmen wirtschaftlich oftmals nicht sinnvoll, weshalb diese Räume bei der Megabit-Anbindung von den Ballungszentren weit abgehängt würden, berichtete Söchtig. Eine mögliche Option für kleinere Städte und Gemeinden stelle jedoch die neue LTE-Technik dar, die in einem Funknetz eine Übertragungsrate von bis zu 50 Mbit und mehr erzielen könne, sagte Söchtig. Durch die Digitalisierung des Rundfunks wurden herkömmliche Frequenzen frei, die, ähnlich wie die UMTS-Frequenzen Anfang 2000, Mitte diesen Jahres durch die Bundesregierung versteigert wurden. Nach Willen der Regierung müssen diese Frequenzen insbesondere für die Breitbandanbindung des ländlichen Raums eingesetzt werden.

„Wir blicken als Stadt zuversichtlich in die Zukunft“, bilanzierte Söchtig. „Um den Herausforderungen effizient begegnen zu können, werden wir versuchen, unsere Stadt noch ‚smarter’ zu gestalten. Insbesondere in den Bereichen Energie und Bildung wollen wir Akzente setzen. Nur so sind wir für die Zukunft gerüstet.“

Der nächste Online-Vortrag findet am 29. November statt und wird sich inhaltlich mit der kürzlich eingeführten Behördenrufnummer D115 befassen.

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