DStGB-Interview mit Stefan Rottmann, dem jüngsten Bürgermeister Deutschlands

Quelle: Stefan Rottmann

1. Schon in der dritten Klasse war Ihnen klar, Bürgermeister werden zu wollen. Warum?

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich als kleines Kind für den samstäglichen Brötchendienst zuständig war. Ich liebte frische Brötchen und drängte mich in unserer Familie regelrecht dazu auf: Unser Bürgermeister war sehr kontaktfreudig - ging auf Jung und Alt gleichermaßen zu. Und so war es für mich immer ein großes Erlebnis dem Bürgermeister beim Bäcker die Hand zu reichen. Dass unserem Rathauschef von allen Seiten so große Aufmerksamkeit geschenkt wurde, beeindruckte mich schon sehr. Ich wollte sein wie er und mich um die Bürgerinnen und Bürger kümmern. Das habe ich dann wohl in mehreren Poesiealben manifestiert.

2. Wie haben Sie sich auf Ihr Amt vorbereitet? Welche Weichenstellungen gab es und welche Eigenschaften muss ein Bürgermeister Ihrer Meinung nach mitbringen?

Auf das Bürgermeisteramt habe ich mich seit vielen Jahren "vorbereitet". Ausschlaggebend war die Kommunalwahl 2008, bei der ich als 21-Jähriger auf Anhieb die meisten Stimmen aller 116 Gemeinderatsbewerber bekommen habe, obwohl mein Listenplatz nicht ideal war. Die Menschen haben mich wahrgenommen, weil ich in der Öffentlichkeit präsent war: Ich war in vielen Vereinen engagiert, habe mir ein Netzwerke aufgebaut. Neben meinem Beruf und Studium zum Bankfachwirt, war ich als freier Mitarbeiter verschiedenster Zeitungen in unserer Gemeinde und darüber hinaus unterwegs. Ich lernte Land und Leute kennen und konnte hinter die Kulissen einer Gemeinde blicken. Fachkompetenz und Menschenkenntnis sind wohl die wichtige Eigenschaften, natürlich auch Fleiß und Ideenreichtum. Am wichtigsten ist den Menschen die Persönlichkeit, die dahinter steckt und ein überzeugendes Programm. Während des Wahlkampfs habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt: Massenweise Adressen aus dem Telefonbuch gesammelt für persönliche Anschreiben, Veranstaltungen mit Kultur und Politik kombiniert, Anreize zur Teilnahme an Wahlkampfkundgebungen geschaffen, über vierzig Vereine eingebunden, fast jeden öffentlichen Termin in der Gemeinde besucht und flächendeckend Hausbesuche durchgeführt. Das war richtige Graswurzelarbeit: Immerhin zählt unsere Großgemeinde zu den größten Flächengemeinden im Freistaat und zählt rund 8000 Einwohner.  

3. Ist Ihre Generation wirklich so unpolitisch, wie ihr oft vorgeworfen wird, oder ist Sie in Wahrheit einer der politischsten Generationen seit langen und nutzt bloß andere Formen des politischen Aktivseins?

Junge Menschen sind über soziale Netzwerke bestens verknüpft und dank Internet bestens Informiert: Auf Konpfdruck erreicht man hunderte von Menschen. Dieses Medium ist nicht zu unterschätzen und half mir auch bei der Mobilisierung junger Menschen am Wahltag. Nur so ist die Hohe Wahlbeteiligung von 75% bei meiner Bürgermeisterwahl zu erklären. Für die jungen Leute war die Demokratie plötzlich spür- und greifbar, weil einer von "ihnen" kandidierte. Den Wahlabend hat die junge Generation wahrgenommen wie ein Champions-League-Finale: Wahllokal für Wahllokal wurde ausgezählt und ließen die Spannung bis zuletzt steigen. Drei Stimmen gaben am Ende eines spannenden Wahlabends den Ausschlag und zeigten, wie wichtig jede einzelne Stimme ist. Die jungen Menschen wollen ihren Beitrag zur Demokratie leisten: Sie werden aber oft nicht wahrgenommen.

4. Die Lage der deutschen Kommunen ist prekär. Ihre und die Generation nach Ihnen wird unter dieser Lage am meisten leiden. Welches Umdenken muss wo stattfinden, damit die Gemeinden und Städte auch in Zukunft ein starker und selbstständiger Ansprechpartner für die Menschen „vor Ort“ bleiben können?

Unsere Großgemeinde bekommt beispielsweise immer mehr Aufgaben aufgebrummt, gleichzeitig steigen beispielsweise die Sicherheits- und Umweltauflagen zu gemeindlichen Pflichtaufgaben immer mehr an. Die Komplexität und damit die Anforderungen an das Personal nimmt stetig zu. Damit werden viele Ressourcen gebunden, bzw. der Haushalt und Personal überlastet. Der Bürokratieabbau muss weiter voranschreiten, Arbeitsabläufe vereinfacht und vor allem nicht weiter Zuständigkeiten und damit Kostenstellen auf die Kommunen verfrachtet werden.