"In Einzelfällen kann es schwierig werden"

dpa (Doreen Fiedler): Wie ist die Situation zur Zeit? Finden die meisten Eltern, die ihr Kind in die Kita geben wollen, einen Platz?

Dr. Gerd Landsberg: Ja, guten Morgen, das hoffen wir sehr. Wir haben jetzt etwa 620.000 Plätze bundesweit für Kinder unter drei Jahren. Das reicht wahrscheinlich nicht. Wir gehen zur Zeit davon aus, dass wir flächendeckend 39 % der Kinder betreuen müssen. Das hieße dann etwa 750.000 Plätze, das heißt, es fehlen heute noch über 100.000 Plätze bis zum August nächsten Jahres.

Fiedler: Ist die Lage regional verschieden?

Landsberg: Es gibt Riesenunterschiede z.B. zwischen Ost- und Westdeutschland, das ist historisch bedingt. In den ostdeutschen Bundesländern wird schon jetzt fast jedes zweite Kind unter drei Jahren betreut. In den westlichen Ländern ist das sehr differenziert zu sehen, z. B. in den Kernstädten, wie Düsseldorf und München, da ist ein hoher Bedarf der Eltern. In eher ländlichen Strukturen ist der Bedarf niedriger. Das heißt, wir haben generell regional große Unterschiede und wissen auch heute nicht ganz genau, wie sieht das aus, wenn die Kinder, die nächstes Jahr dann ein Jahr alt sind, die werden ja jetzt erst in diesem Jahr geboren.

Fiedler: Wie realistisch ist es, dass die Eltern in einem Jahr einen Platz finden?

Landsberg: In vielen Städten wird das klappen, weil wir uns seit Jahren enorm anstrengen. Man muss anerkennen, auch der Bund hat jetzt im Rahmen des Fiskalpakets noch einmal 590 Millionen Euro zusätzlich bereitgestellt. Trotzdem wird es in Einzelfällen schwierig werden. Und vor allen Dingen, das ist vielleicht für die Eltern das Wichtigste. Nicht in jedem Fall wird es möglich sein, dass sie ihr Kind in die Wunschkita bringen können. Das heißt, der ein oder andere wird sein Kind fahren müssen, dorthin, wo Plätze frei sind und wir werden noch sehr viel mehr tun müssen, um geeignete Tagesmütter und Erzieherinnen zu bekommen.

Fiedler: Das Gesetz wurde schon 2007 beschlossen. Wurde in den vergangenen Jahren genügend getan?

Landsberg: Ich finde schon, dass genug getan wurde, nur man hat natürlich die gesellschaftliche Entwicklung, die ja unheimlich dynamisch ist, unterschätzt. Wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass allenfalls 35 % der Eltern werden das überhaupt wollen. Inzwischen ist das eine andere Generation. Jetzt sind wir schon bei 39 %. Wir wissen, dass es in vielen Universitätsstädten möglicherweise bis 50 oder 60 % sind. Die Eltern wollen arbeiten und die Wirtschaft verlangt das auch. Insofern ist die gesellschaftliche Realität heute eine andere als 2004, als die ersten Überlegungen angestellt wurden.

Fiedler: Verlangen sie mehr Engagement von den Unternehmen?

Landsberg: Also, die Unternehmen sollten sicherlich in größeren Umfang selber Kindergärten bauen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass sich auch kleinere Unternehmen zusammentun und sagen, wir stellen eine Tagesmutter fest ein. Da gibt es inzwischen auch Fördermittel. Das hat der Bund organisiert. Wir müssen das alle gemeinsam schaffen und auch Eltern müssen ein bisschen flexibel sein. Wir werden nicht überall und auch nicht zu jeder Zeit diese Betreuung anbieten können.

Fiedler: Woran mangelt es am meisten? Gebäude, Erzieher, Geld?

Landsberg: Es mangelt in der Regel sowohl an Gebäuden, an geeigneten Gebäuden. Deswegen sagen wir, reduziert die Stadtnaht. Wenn wir heute in einer Innenstadt eine Kita bauen wollen, brauchen sie einen eigenen Spielplatz. Obwohl vielleicht schon ein öffentlicher Spielplatz direkt daneben ist. Das ist schwierig, deshalb müssen wir an den geografischen Vorgaben arbeiten und wir müssen viel mehr Tagesmütter gewinnen. Es fehlt teilweise natürlich auch am Geld. Es ist immer eine Mehrheit von Faktoren, die eine Rolle spielen, wo es schwierig wird.

Fiedler: Wenn die Eltern klagen: Wer muss dann die Forderungen bezahlen?

Landsberg: Also es trifft immer die Kommune. Die Kommune bzw. der Träger ist verpflichtet, den Rechtsanspruch zu erfüllen. Erfüllt er den nicht, dann besteht in der Tat die Gefahr, dass es zum Prozess kommt. Das wollen wir nicht. Das wollen wir nicht nur wegen des Geldes nicht, sondern weil wir uns auch ein gutes Verhältnis mit den Eltern erhoffen. Und deswegen hoffe ich, dass das die Ausnahme sein wird. Aber ganz ausschließen kann man das nicht.

Fiedler: Denken Sie, dass das geplante Betreuungsgeld Entlastung bringen könnte?

Landsberg: Das glaube ich nicht. Die jungen Mütter, die schnell in den Beruf wollen, die wollen in der Regel ihre Kariere nicht beeinträchtigen. Die wollen zusätzlich Geld verdienen. Und dann werden sie sich nicht von 150 Euro abbringen lassen. Ich glaube nicht, dass das Betreuungsgeld auch nur ansatzweise einen nennenswerten Einfluss auf die Zahl der Betreuungsplätze haben wird.

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